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BlackBerry Priv Test: Die Verarbeitung könnte besser sein

Der BlackBerry Priv kommt als erstes Smartphone der Kanadier mit einem waschechten Android-OS daher. Keine Emulation, sondern wirklich Android 5.1 Natürlich mit den Sicherheitsfeatures und typischen Funktionen von BlackBerry ergänzt. Zudem bietet das Priv eine ausziehbare Tastatur, wie man sie schon vom Nokia N95 her kannte. Warum es dann doch nicht ganz zum Hit reicht? Nach dem Break mehr …

Design & Verarbeitung: Knapp daneben

Alter Schwede. Ich war ziemlich scharf auf den neuen BlackBerry (BB) Priv (Codename Venice). Ein BB mit Android und ausziehbarer Tastatur hat mich fasziniert. Bei der Verarbeitung hatte ich allerdings von Anfang an so meine Bedenken. Wenn ich mich an mein Nokia N95 erinnere, dann kann ein Slider durchaus so seine Probleme mit sich bringen und Zack die Wurst, der Priv macht keine Ausnahme.

Ich hatte während des Tests Zugriff auf drei unterschiedliche Priv aus mehreren Quellen (Amazon, Cyberport, Saturn) und alle drei waren nicht vernünftig verarbeitet. Wir reden hier schliesslich von 779 Euro die der Hersteller für seinen BB aufruft.

Der Gehäuserahmen mit dem Schiebemechanismus für die vollwertige Tastatur besteht aus Aluminium. Die Rückseite ist eine Mischung aus Kohlefaser/Glasfaser und lässt sich ein wenig eindrücken, da man beim Modell für Deutschland die QI-Ladespule nicht verbaut hat.  Die Kameraoptik ragt leicht aus dem Gehäuse hervor, dadurch wackelt der BB Priv auf ebenen Unterlagen leicht hin und her.

Mit seine Abmessungen von 147 mm (184 mm im ausgezogenen Zustand) x 77 mm x 9.4 mm ist der Priv zwar nicht klein. Für ein Smartphone mit einem 5,4-Zoll großen Displays aber auch nicht riesig. Leider ist er mit knapp 190 Gramm trotzdem ziemlich schwer. Der BlackBerry Priv ist damit wohl eher ein Kandidat für den Gürtel bzw. die Sakkotasche.

Der Schiebemechanismus schleift etwas über die Tasten, wirkt aber sehr stabil. Bei meinem dritten Testsample war er nahezu optimal eingestellt. Der Akkudeckel kann aber mit ein wenig Druck des Daumens eingedrückt werden und knarzt so mitunter. Der Grund hierfür ist die Tatsache, dass beim „deutschen“ Modell (STV100-4) die QI-Ladespule fehlt. Die Verarbeitung des Priv ist von allen BlackBerrys die ich bisher hatte, nicht die Beste. Da ist noch Luft nach oben.

Display: Zu beiden Kanten hin gewölbt: Mehrwert?

Das Corning-Gorilla-Glas 4 des 5,4 Zoll großen Touchscreen wurde, ähnlich wie beim Galaxy-S6 (Edge), an den beiden Längskanten leicht gebogen. Das knackscharfe Plastic-AMOLED-Display des BlackBerry Priv löst mit 1.440 x 2.560 Pixel (QHD) auf und bietet so 540 ppi. Beim Priv wird in der Biegung des Displays aber nur der Ladestand in Balkenform angezeigt. Zusätzliche Informationen findet man dort leider nicht. Die Glasoberfläche fühlt sich dafür ohne jegliche Kante nahezu „samtweich“ an, das hat mir super gefallen.

Die maximale Helligkeit des Displays ist etwas höher als bei meinem BB Z10. Bei direkter Sonneneinstrahlung ist es zwar nicht optimal, aber immer noch lesbar. Das AMOLED bildet  Schwarz naturgemäß super ab und auch die Blickwinkelstabilität ist gut. Die für AMOLED typisch hohe Farbsättigung kann man in den Einstellungen auf seine eigenen Vorlieben abändern. Die von BlackBerry gewählten Einstellungen fand ich persönlich aber gut.

Über dem Display findet man den Lautsprecher, eine (bunte) Benachrichtigungs-LED sowie die 2-Megapixel-Frontkamera. Der Micro-USB-Anschluss sowie die Öffnung für die Kopfhörer sitzen an der Unterseite des Gehäuses. Der silberne Ein-/Ausschalter befindet sich an der linken Seite und die ebenfalls silbernen Lautstärke/-Stummschalt-Tasten liegen auf der rechten Seite. Sie weisen zwar einen guten Druckpunkt aus, wackeln aber auch leicht im Gehäuse hin und her. Die Nano-SIM sowie die MicroSD-Karte (bis 200 GByte auch mit exFAT) schiebt man mit zwei Schlitten auf der Oberseite in das Gehäuse. Die vollwertige, kapazitive Tastatur befindet sich unter dem Display und kann auf Wunsch ausgezogen werden. Das Display kann übrigens durch die Doppeltap-Geste zum Leben erweckt werden.

Tastatur: Schiebung!

Die (echte) Tastatur des BlackBerry Priv aktiviert man, indem man einfach das Display hochschiebt.  Die Daumen legt man dann auf die so entstandene Kante und tippt drauflos. Der Mechanismus selbst hatte bei meinem letzten Testsample kein spürbares Spiel mehr, leichte Schleifgeräusche waren aber hörbar. Die Wertigkeit leidet darunter (noch) nicht.  Es ist gut möglich, dass BB dieses Problem mit einer neuen Charge an Geräten noch besser in den Griff bekommt.

Die QWERTZ-Tasten sind ausreichend groß dimensioniert, weisen einen guten Druckpunkt auf und ermöglichen saubere Eingaben. Im Endeffekt ähnelt sie dem Q10. Die Tastatur selbst besteht aus insgesamt drei Reihen a zehn Tasten mit Buchstaben, Ziffern sowie Sonderzeichen. Die letzte Reihe hat nur 5 Drücker mit Sonderfunktionen sowie eine ausreichend breite Leertaste.  Die hierzulande gebräuchlichen Umlaute erreicht man durch längeren Druck des entsprechenden Buchstabens, die 18 Sonderzeichen durch Drücken der Sym-Taste oder aber über die vom BlackBerry Passport bekannte Wischgeste über die Tastatur nach unten.

Die Tastatur ist dabei wie beim BB Passport kapazitiv ausgelegt. So kann man sie beispielsweise auch als Trackpad nutzen. Den Cursor durch Texte steuern, Wortvorschlägen akzeptieren oder durch Listen, der Benutzeroberfläche und dem Browser scrollen.

Performance: Snapdragon 808 ohne Fehl und Tadel

Im Inneren des BlackBerry Priv werkelt der Snapdragon 808 (MSM8992) von Qualcomm mit sechs Kernen samt Adreno-418-GPU. Im ganz aktuellen AnTuTu Benchmark v6.0 erzielt das Priv damit 61.787 Punkte und im Geekbench 3 reicht es für 1.181 Punkte im Single-Core und 3.498 Punkte im Multi-Core-Modus. Das „neue“ Android-System läuft mit ein paar Ausnahmen im BlackBerry Hub recht flüssig. Wer ein Fan von Asphalt 8 ist, kann dieses Spiel nach dem letzten Update nun auch ganz normalen spielen. Vorher harmonierte es nicht mit der Hardware-Tastatur des Priv. Die Tasten wurden nicht richtig zugeordnet und eine Steuerung per Touchscreen war nicht vorgesehen. Die CPU wird mitunter recht warm!

Android 5.1.1: Mit ein paar Upgrades

Nutzer des BlackBerry Priv können nun das komplette Angebot aus dem Google Play Store nutzen. Hier kommt keine Emulation mehr zum Einsatz, sondern ein vollwertiges Android 5.1.1 mit allen Google-Apps und einem extrem breiten Angebot an Spielen und sonstigen Programmen.

Umgekehrt hat BlackBerry dafür auf eigene Apps, wie dem Assistant, Fotos, Videos, Musik, den BlackBerry Maps oder BlackBerry Balance zur Trennung der beruflichen und privaten Daten verzichten müssen. Dafür kann (muss) ich nun die (Google)-Alternativen aus dem Play Store nutzen. In meinen Augen trotzdem eine deutliche Verbesserung.

Auf wichtige Apps, wie dem BlackBerry Hub muss man aber auch beim Priv nicht verzichten. Der Hub ist die Zentrale und fasst alle SMS, Anrufe und Benachrichtigungen aus den sozialen Netzwerken (auch WhatsApp) übersichtlich zusammen. Den BlackBerry Kalender und die Notizen findet man wie gewohnt auch auf dem BB Priv.

Sicherheit bei Android 5.1.1: Geht das?

Wer auf Sicherheit nicht verzichten will oder kann, wird sich über BlackBerry DTEK freuen. Über diese App bekommt man beispielsweise einen Überblick, auf welche Informationen die installierten Helferlein zugreifen können. Zugriffsrechte entziehen klappt aber nicht, dazu benötigt man Android 6.0. Letzteres soll angeblich nächstes Jahr per Update nachgereicht werden.

Die wirklichen Sicherheitsfeatures arbeiten aber unter der Oberfläche von Android 5.1.1. Jeder BlackBerry Priv nutzt einen speziellen Sicherheitsschlüssel um sicherzustellen, dass nur zuvor signierte Apps lauffähig sind. Zudem prüft der Priv bei jedem Bootvorgang, ob er manipuliert wurde. „Root“ kommt hier also nicht in Frage. Der Stegafright-Bug wurde natürlich bereits gefixt.

Multimedia: 18-Megapixel und guter Sound

Die Kamera des BlackBerry Priv knipst Fotos mit maximal 18-Megapixel im 4:3-Format (4.896 x 3.672 Pixel) oder mit 16 Megapixel im 1:1-Format (4.016 x 4.016 Pixel) bzw nun auch in 16:9. Videos werden in 4K mit 30 Bildern pro Sekunden oder in Full-HD mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde aufgezeichnet. Die Optik stammt dabei aus dem Hause Schneider-Kreuznach. Die  f/2.2 Blende ist bei Dunkelheit jetzt nicht der Hammer, dafür können der schnelle Autofokus sowie der optischer Bildstabilisator (OIS) überzeugen. Die Frontkamera des BlackBerry Priv löst mit 2 Megapixel auf. Die Bildqualität des Priv hat mich insgesamt überzeugt, Farben und Details werden ansehnlich abgebildet. Einen guten Eindruck könnt ihr euch aber hier mit meinen Kamerabildern selbst verschaffen:

BlackBerry Priv

Musik spielt der BlackBerry Priv über Google Play Music ab. Natürlich mit den üblichen  Equalizer-Presets. Der Lautsprecher auf der Unterseite tönt ausreichend laut und gar nicht so schlecht.

Konnektivität & Akku: Das sind die Stärken des BlackBerry Priv

Der interne Speicher beträgt 32 GByte und mir stehen als Nutzer knapp 24 GByte zu freien Verfügung. Wem das nicht reicht, der erweitert den Speicher einfach über MicroSD-Karten. Damit sind theoretisch bis zu 2 TByte zusätzlicher Speicher möglich. Auch eine Erweiterung per USB-OTG ist möglich. Selbst an die Unterstützung für das exFAT-Format der Speicherkarte hat BlackBerry gedacht.

Der BB Priv bietet übrigens insgesamt sechs Antennen für den Empfang und nutzt drei Mikrofone für die Sprachübertragung. So ist es kein Wunder, das sowohl Sende/- und Empfangsleistung als auch die Gesprächsqualität auf einem hohen Niveau, aber nicht auf Top-Niveau sind. Unterwegs ist man über und LTE Cat. 6 online. WLAN b/g/n/ac mit Wifi Direct klappt im beiden Bändern (2.4/5 GHz). Daneben bietet der Priv auch Bluetooth 4.1 LE sowie GPS. Über SlimPort-HDMI/VGA kann man das Display auch an Beamer übertragen. Dazu benötigt man aber einen kostenpflichtigen Adapter. Hier mein ausführliches Videoreview auf YouTube:

Der fest verbaute Akku mit seinen 3.410 mAh hält im Dauereinsatz knapp 6 1/2 Stunden durch. Normalnutzer schaffen damit locker 1 1/2 Tage und Leute mit einem hohen Hang oder Drang zur Kommunikation werden ihren Arbeitstag auch ohne Steckdose überleben. Das in Deutschland vertriebene BlackBerry Priv unterstützt ab Werk leider NICHT die drahtlose Aufladung per Qi und PMA.

Fazit: Wozu ein BlackBerry Priv?

Braucht man einen BlackBerry mit Android 5.1.1 und Slider-Mechanismus? Im Endeffekt leider darunter erst einmal die Verarbeitung. Die kapazitive Hardware-Tastatur ist ähnlich gut und nützlich wie beim BlackBerry Passport. Die doch sehr große virtuelle Tastatur hätte meiner Meinung nach aber gereicht. Die Akkulaufzeit des Blackberry Priv ist gut. Das 5,1-Zoll große Display mit QHD-Auflösung gefällt mir und auch die Kameraqualität gab keinen Anlass zur Klage. Selbst den Umstieg auf Android 5.1.1 finde ich gelungen. BB-Nutzer müssen sich natürlich umgewöhnen, der BB-Hub bei Android ist nicht ganz so komfortabel wie auf meinem Z10. Aber das kann ich verkraften. Den vergleichsweise hohen Preis und die durchwachsene Verarbeitung hingegen nicht. Mein finales Testsample stammte von Cyberport.de.

Tags : AndroidBlackBerryReview
Dirk

Der Author Dirk

Ich beschäftigte mich sich seit 1996 mit Smartphones, Smartwatches, Tablets und anderen Gadgets. In meiner knappen Freizeit quäle ich gerne meine Frau, Nachbarn und Freunde mit meinen E-Gitarren. Ich nenne es zwar "Musik", aber die meisten anderen bezeichnen es als "Krach". Abonniere doch einfach den RSS-Feed und folge mir auf Facebook, Google+ und Twitter. Wenn du Fragen oder Anregungen zum Thema Smartphones hast, dann schreib mir eine Nachricht.

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