Nokia 9 PureView mit 5 Kameras im Test: Viel hilft viel?

Mit viel meine ich beim neuen Nokia 9 PureView die Anzahl der Kameras. Auf der Rückseite findet man nämlich gleich fünf Linsen UND eine sogenannte "Time of Flight"-Kamera (ToF). Mehr Löcher habe ich in keinem anderen Smartphone gesehen. Daneben kommt dann allerdings nur relativ durchschnittliche Hardware zum Einsatz. Wie sich mein Nokia 9 PureView so im Alltag geschlagen hat erfahrt ihr in meinem Testbericht.7 min


Mit viel meine ich beim neuen Nokia 9 PureView die Anzahl der Kameras. Auf der Rückseite findet man nämlich gleich fünf Linsen UND eine sogenannte “Time of Flight”-Kamera (ToF).  Mehr Löcher habe ich in keinem anderen Smartphone gesehen. Daneben kommt dann allerdings nur relativ durchschnittliche Hardware zum Einsatz. Wie sich mein Nokia 9 PureView so im Alltag geschlagen hat erfahrt ihr in meinem Testbericht.

Nokia 9 PureView: Fünf Kameras, aber sieben Öffnungen?

Das 155 x 75,8 x 8 mm große und 172 Gramm schwere Nokia 9 PureView kommt ausschliesslich in der Farbe Blau auf den Markt. Mein Testsample mit 128 Gbyte Speicher stammt dabei von Cyberport.de. Die Verarbeitung ist absolute Spitzenklasse, das Design zeitlos. Auf der linken Seite findet man den Ein-/Ausschalter sowie einen Lautstärketaster. Die linke Seite des in Blau lackierten Rahmens ist frei von jeglichen Tasten oder Einschüben. Die beiden Nano-SIM-Karten schiebt man auf der Oberseite ins Smartphone. Platz für eine MicroSD hat der Tray aus Metall freilich nicht, eine Speichererweiterung ist also nicht möglich. Auf der Unterseite des Nokia 9 Pureview befindet sich der USB-Typ-C-Anschluss sowie ein Lautsprecher. Stereo-Sound bekommt man damit natürlich nicht hin. Auf der Vorderseite findet man ein 5.99 Zoll großes Display ohne Notch, dafür aber mit gut sichtbaren Rändern.

DSC04675Das Highlight des Nokia 9 PureView ist aber mit Sicherheit die Rückseite. Die Blau unterlegte Glasfläche ist nämlich SEHR rutschig und extrem anfällig für Fingerabdrücke. Neben der Optik beherbergt die aber auch insgesamt SIEBEN Öffnungen: eine für die große LED, eine für die Time-of-Flight-Kamera und fünf für die anderen 12-Megapixel-Objektive. Klingt ja fast wie beim Herr der Ringe 🙂 Das gesamte Smartphone ist zudem nach IP67 zertifiziert und damit gegen Regenschauer und Tauchmanöver geschützt. Allerdings nur für eine halbe Stunde und bis zu einer Tiefe von 1 Meter. Für die Badewanne reicht es also.

Nokia 9 Pureview: 5.99 Zoll P-POLED leuchtet

DSC04676Das 5,99 Zoll große P-OLED-Display mit seiner Auflösung von 1.440 x 2.880 Pixel macht einen sehr guten Eindruck. Die Icons wirken plastisch, die Oberfläche mit ihrem Corning Gorilla Glas ist sehr glatt, die Finger gleiten nur so über den Bildschirm. Die Farbdarstellung ist allerdings SEHR intensiv, das muss man mögen. In den Einstellungen unter dem Punkt “PureDisplay” kann man aber statt “Dynamisch” aber auch “Lebhaft”, “Kino” oder “Grundlegend” auswählen. Dann erscheinen Farben und Kontraste etwas natürlicher. Die zur Verfügung stehende Helligkeit ist hoch genug, dass man die Inhalte des Bildschirms auch noch bei Sonnenschein gut ablesen kann. Das Display ist damit erste Sahne!

Performance & Akku: Snapdragon 845 mit leichen Einbrüchen

Der nicht mehr ganz taufrische Snapdragon 845 aus dem Hause Qualcomm kommt mit dem Stock-Android (One) sehr gut klar. Selbst grafisch anspruchsvolle Spiele wie PUBG Mobile, Fortnite oder Asphalt 9 lassen sich in höchster Grafikqualität spielen. Die synthetischen Benchmarks wie der AnTuTu bestätigen die Ergebnisse. Hier erzielt der SoC 291.310 Punkte. Im Geekbench kommt die CPU auf 2.399 Punkte im Single-Core und 8.985 im Multi-Core. Der interne Speicher von 128 Gigabyte ist mit knapp 116 GByte (frei) zwar nicht üppig, sollte aber ausreichen. Es sei den, ihr speichert eure Bilder auch im RAW-Format. Denn dann ist eine Aufnahme etwa 44 Megabyte groß. Mit einer MicroSD ist der Speicher übrigens nicht erweiterbar. Das klappt nur per USB-OTG. Auch wenn der Snapdragon 845 und die sechs Gigabyte Arbeitsspeicher des Nokia 9 Pureview im normalen Betrieb keine Probleme bereiten, bei der Bildbearbeitung der Kamera merkt man ihm sein Alter an. Und das, obwohl hier ein spezieller Co-Prozessor zum Einsatz kommt. Die Bildberechnung erfolgt allerdings im Hintergrund, man kann also weiter mit dem Nokia 9 PureView arbeiten. Spielen kann man dann aber eben nicht mehr so flüssig. Aber wer macht auch schon gleichzeitig Kamerabilder und Games?

Der fest eingebaute Akku des Nokia 9 PureView leistet “übersichtliche” 3.320 mAh. Das klingt im Vergleich zum Galaxy S10+ mit seinen 4.100 mAh oder Huawei P30 Pro (4.200 mAh) wenig. Ist aber auf dem Niveau des Google Pixel 3 XL. Letzteres hielt bei mir im Test rund 15:30 Stunden durch. Bei gleicher Nutzung kommt das Nokia auf rund 17:30 Stunden, mein Mate 20 Pro und auch das Huawei P30 Pro auf 19:00 Stunden. Der Akku des Smartphones kann entweder per Kabel in rund 2 Stunden oder eben auch drahtlos mit rund 7,5 Watt per Qi in rund 3 Stunden aufgeladen werden. Im Standby-Modus nahm der Akku über Nacht (22:00 Uhr bis 06:00 Uhr) rund 9% ab.

Android One: Nokia liefert Stock-Android

Als Betriebssystem kommt beim Nokia 9 PureView Android 9 Pie zum Einsatz. Dank des Android-One-Programms findet man weder Bloatware noch einen optisch veränderten Launcher vor. Alles ist wie beim Google Pixel 3. Nokia setzt aber seine eigene Kamera-App ein. Der Hersteller garantiert innerhalb von Android One zwei große Android-Updates – hier also auf Android Q und Android R – sowie Sicherheitsupdates für zwei Jahre.

Nokia 9 PureView: Fünf Kameras mit Schwächen

DSC04679Die fünf Kameras auf der Rückseite liefern bei ausreichend Licht wirklich gute Ergebnisse. Auch der Weißabgleich hat mir im Vergleich zum Huawei P30 Pro besser gefallen, zumindest stellenweise. Das Knowhow für die Kamera stammt übrigens von Zeiss. Der Hersteller zeichnet sich für die Optiken verantwortlich. Die Firma Light hingegen kümmert sich um die Signalverarbeitung. Adobe fügt das Ganze dann über die App Lightroom für die RAW-Bearbeitung zu einem Kunstwerk zusammen. Na ja, bei der App muss man zwar selber die Hand anlegen. Aber dazu später mehr. Hier mal zwei Vergleichsbilder:

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Huawei P30 Pro (Kamerasample)
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Nokia 9 (Kamerasample)

Das neue Nokia 9 PureView ist das weltweit erste Smartphone mit einem Fünf-Kamera-Array-System und Zeiss-Optik. Die Frage die sich einem stellt: lohnt sich das überhaupt ohne optischen Zoom? Die fünf Zwölf-Megapixel-Kameras (Blende f/1.8) nehmen in der Theorie Bilder mit einer Auflösung von 60 bis 240 Megapixeln auf. Daraus errechnet die Kamera-App dann ein Bild mit einer Aufllsung von 12 Megapixel. Wenn am Ende das Gleiche bei rauskommt, wozu dann der Aufstand?Android_One_9_4Nun in der Theorie soll das Kamerasystem bis zu zehn Mal mehr Licht durchlassen als andere Setups, zum anderen ist durch die unterschiedlichen Brennweiten auch ein deutlich größerer Dynamik-Umfang möglich. Nokia bzw. Zeiss versprechen zudem mehr Tiefeninformationen. Die Kameras erfassen nämlich bis zu 1.200 Tiefenebenen zwischen 7 Zentimeter und 40 Meter. Last but not least ist das Kamera-Arry eine Mischung aus RGB und Black & White-Sensoren. In der Praxis klappt das auch alles soweit ganz gut. Die Tiefeninfos kann man tatsächlich nachträglich ändern. Vorher muss man die in den Einstellungen natürlich aktivieren (das Symbol mit den 3 Flächen). Leider haben die Kameras aber Probleme mit der Abgrenzung von Haaren zum Hintergrund, gut sichtbar auf dem folgenden Foto unsere Katze:IMG_20190404_182245Das gilt dann leider auch für Aufnahme in Dunkelheit, hier ist der Nachtmodus des Huawei P30 Pro, des Galaxy S10+ sowie des Google Pixel 3 XL überlegen.  Je mehr Licht zur Verfügung steht, desto besser werden aber die Aufnahmen. Bei guten Lichtverhältnissen oder bei Sonnenschein macht das Nokia 9 PureView hervorragende Fotos. Dabei ist der HDR-Modua leider immer aktiv. Abschalten kann man ihn nicht. So geraten die HDR-Aufnahmen nicht besser als bei anderen Top-Smartphones. Die Penta-Optik des Nokia 9 PureView bieten einen zweifachen “Zoom”, zwar nicht optisch, aber als quasi verlustfreie Ausschnittsvergrößerung. Die Daten der fünf Kameras werden nach dem Shot erst zusammengefügt, vorher bekommt man nur eine Art Vorschau zu Gesicht. Der ansonsten leistungsstarke Snapdragon 845 bekommt an dieser Stelle sogar noch einen Bild-Prozessor von Light zur Seite gestellt.Trotzdem dauert die Berechnung mehrere Sekunden. Man kann aber problemlos mehrere Bilder in Folge machen, das Smartphone arbeitet diese dann nach und nach ab.

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Nokia 9 – Kamerasamples

Die Farben der Aufnahmen wirken natürlich, die Detailgenauigkeit ist sehr hoch und auch der Kontrast stimmt. Wer die nicht immer treffsichere Automatik nicht mag, sollte die RAW-Dateien im DNG-Format selber “entwickeln”. Der Qualitätsunterschied ist teilweise extrem:

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Nokia 9 PureView (Automatik)
Nokia9_Kaffee-RAW
Nokia 9 PureView (RAW)

Ohne Nachbearbeitung taugen die RAW-Bilder allerdings nichts. Die Bearbeitung selber erfolgt über den vorinstallierten Editor, Google Fotos oder Adobe Lightroom. Selfies zeichnet die Frontkamera dabei mit 20 Megapixeln auf. Hier kann ich den HDR-Modus auch deaktivieren. Die Videoqualität mit bis zu 4K bei 30 Bildern pro Sekunde ist ordentlich, der Sound Klasse. Nokia nutzt dazu die OZO-Audio genannte Technik mit dessen Hilfe die verschiedenen Mikrofone am Nokia 9 Sound in 360 Grad aufnehmen.

Konnektivität und Sound: Fingerabdruckscanner schwächelt

Nokia 9 (10)Der Fingerabdrucksensor unter dem Displayglas hat mich nicht wirklich überzeugt. Er arbeitet auf optischer Basis und sollte damit schneller und zuverlässiger sein als beim Samsung Galaxy S10+. Ist er aber nicht. Ich musste teilweise sehr auf das Glas drücken und der Sensor benötigte zig Anläufe. Die Gesichtserkennung ist da deutlich zuverlässiger und schneller. Die Soundwiedergabe ist zwar gut, aber immer noch recht “übersichtlich”. Zu präsente Mitten, zu wenig Bass keine Höhen. Bei der Konnektivität gibt es hingegen nur wenig zu bemängeln. Das Nokia 9 PureView unterstützt alle wichtigen LTE- und WLAN-Bänder. Darüber hinaus bietet es Bluetooth 5.0 und natürlich NFC. Selbst das kontaktlose Bezahlen per Google Pay klappte im Test. Der GPS-Empfänger war in 3-10 Sekunden einsatzbereit und hatte eine Abweichung zwischen 1 – 5 Meter, je nach Einsatzort.  Die Sende-/Empfangsleistung des Smartphones war gut, die Gesprächsqualität gab keinen Anlass zur Klage. Der Klang über den Lautsprecher ist für telefonate ausreichend. Gewünscht hätte ich mir an dieser Stelle allerdings Stereo.

Mein Fazit: Für 500 Euro wäre es eine Überlegung wert

DSC04677Na klar, günstiger geht ja immer. Aber bei 649 Euro denke ich halt tatsächlich über den “Nutzen” nach. Was hat das Nokia 9 PureView, was die Konkurrenz nicht hat? Fünf Kameras … Die befinden sich auf der Rückseite und machen bei guten Lichtverhältnissen zwar auch gute Bilder, das bekommen andere Hersteller aber auch mit einer (Google Pixel 3) oder drei Kameras Cyberport_Logo_2015(Mate 20 Pro) hin. Oft können mich beim Nokia 9 PureView die RAW-Dateien eher überzeugen als die Ergebnisse der Automatik mit ihrem nicht deaktivierbaren HDR-Modus. Der schiesst oft über das Ziel hinaus. Der Snapdragon 845 ist als SoC bei der Signalverarbeitung der Kameradaten an seinem Limit angekommen, die Kamera selber stürzt häufiger ab (Nokia will dazu ein Softwareupdate nachreichen). Stock-Android (Android One) sowie der Akku haben mir hingegen gut gefallen. Aich das Display und das Design geben keinen Anlass zur Klage. Aktuell ist das schon ab 594 Euro verfügbaren Huawei Mate 20 Pro einfach die rundere Alternative. Auch das Xiaomi Mi 9 macht im Vergleich eine gute Figur. Für 500 Euro wäre das Nokia 9 mit seinen fünf Kameras eine starke Alternative zur bestehenden Konkurrenz. Für rund 649 Euro bekomme ich aber eben nichts, was den “hohen” Preis rechtfertigen würde

Nokia 9 PureView

9

Verarbeitung

9.3/10

Display

9.1/10

Performance

8.9/10

Kamera

8.6/10

Konnektivität/Akku

8.9/10